Jubiläum 2006: Kurhaus Bergün

Das Kurhaus in Bergün - 100 Jahre alt

zur Website Kurhaus Bergün

Die Eröffnung der Albula-Bahnlinie im Jahre 1903 löste in Bergün einen erneuten Entwicklungsschub aus. Mit einem Schlag lag das Dorf an einer Schienenverbindung, was ihm sogleich zur Aufnahme in die bekannten Reiseführer verhalf. Im Baedeker wird Bergün bereits in der Ausgabe von 1903 als gut besuchter Luftkurort bezeichnet.

Gleich nach der Bahneröffnung machte sich ein Initiativkomitee an die Planung eines neuen Hotels. Der Churer Architekt Emanuel von Tscharner und der Zürcher Jost-Franz Huwyler-Boller sowie die Chaletfabrik aus Davos verfassten im Jahre 1904 Projekte für den Neubau eines Grand Hotels in Bergün, ob in einem Wettbewerbsverfahren oder auf Grund von Direktaufträgen ist heute leider nicht mehr bekannt. Am 16. September 1904 wurde die ”Vereinigte Hotels Bergün A.-G.” mit Sitz in Bergün gegründet. Sie erwarb die bestehenden Hotels Weiss Kreuz und Piz Aela und beauftragte den Zürcher Architekten Jost-Franz Huwyler-Boller, der gleichzeitig auch das Hotel Cresta Palace in Celerina erbaute, mit der Ausführung des neuen Hotels.

Das im Frühjahr 1906 eröffnete Haus bot einen für damalige Verhältnisse beachtlichen Komfort an: ”Zentralheizung, elektrisches Licht, Lift, Badezimmer, grosser Speisesaal, mehrere grosse Terrassen gegen Süden, elegantes Vestibül, Damensalon, geräumige Restaurantslokalitäten, Bar, Billard, Lese- und Schreibzimmer sowie Dunkelkammer” werden in der frühen Werbung aufgezählt. In 85 Zimmern waren insgesamt 120 Betten vorhanden. Besondere Aufmerksamkeit war den sanitären Anlagen geschenkt worden. Laut mündlicher Überlieferung wurden die Badewannen und die sogenannten Water Closets mit der Bahn direkt aus England nach Bergün geliefert. Auf dem Schienenweg kamen auch die britischen Monteure als Spezialisten nach Bergün, welche die ebenfalls per Bahnfracht angelieferten Bleiplatten und –rohre in britischen Weise ”mit Frack und Zylinder” installierten, ohne sich dabei in ihr Handwerk blicken zu lassen. Im englischen Prospekt werden diese Toiletten denn auch besonders erwähnt: ”W. C’s. on the newest system.”

Mit diesem neuen Grosshotel hätte sich Bergün innert kurzer Zeit zum bedeutenden Fremdenort entwickeln können. 1909 meldete der Baedeker neben dem Kurhaus mit 120 Betten auch noch die Hotels Piz Aela & Post sowie das Weisse Kreuz mit zusammen 110 Betten. Mit der Eisenbahn hatte Bergün aber seine ehemalige Funktion als Zwischenstation aus dem Zeitalter der Pferdekutschen verloren: Die Züge fuhren nun direkt ins Engadin und wieder zurück und erübrigten dadurch den Aufenthalt in Bergün. Das neu eröffnete Kurhaus hatte damit bereits von Anfang an um jeden Gast zu kämpfen. In den Prospekten wird deshalb auf die Vorteile von Bergün ”als Zwischen- und Übergangsstation von und nach dem Engadin” hingewiesen: ”Es ist heutzutage eine unbestreitbare Tatsache, dass ein rascher Klima-, Luft- und hauptsächlich Höhenwechsel für eine beträchtliche Zahl der Kur- und Erholungsbedürftigen gesundheitlich nicht gleichgültig ist, ja dass ein solcher sogar die bedenklichsten Folgen nach sich ziehen kann.” Bergün wurde gleichzeitig aber auch als Kurort für längeren Aufenthalt angeboten und dabei die ”wohltuende, angenehme Windstille” und die ”vollständig staubfreie Luft” angepriesen. Am Schluss aller Prospekte findet sich die eindringliche Warnung, dass ”das Hotel Kurhaus Bergün für die Aufnahme von Lungenkranken weder eingerichtet ist, noch ihnen diejenigen Arrangements bieten kann, die für die Kur notwendig sind”. Eine spätere Werbeschrift präzisiert: ”Ganz besonders muss aber erwähnt werden, dass Bergün kein Kurort für Lungenkranke ist oder sein will und auch in keiner Weise dafür eingerichtet ist.” Lungenkranke sah man, auch in Zeiten finanzieller Not, lieber in Davos oder Arosa als in Bergün!

Aus dieser für Bergün nicht in allen Teilen positiven Entwicklung nach der Bahneröffnung resultierte wohl auch die Idee zur Einführung des Wintersports, der sich damals in zahlreichen schweizerischen Fremdenstationen zu entwickeln begann. Zuerst öffnete man das Weiss Kreuz im Winter, seit Weihnachten 1911 das Kurhaus, das gemäss Jahresbericht der Vereinigten Hotels Bergün A.-G. ”für den Winterbetrieb vollständig eingerichtet” war. Die Davoser Firma Oberrauch hatte dort als spezialisiertes Unternehmen eine Warmwasser-Zentralheizung installiert. Die Wintersaison dauerte in der Regel nur etwa drei Monate, von Weihnachten bis Mitte März. Im Prospekt ”Wintersport in Bergün” aus der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurden folgende Aktivitäten aufgezählt: ein ideales Skigelände (”ein weites und äusserst lohnendes Exkursionsgebiet für leichte, schwierigere und schwierigste Ausflüge”), ein grosser Natureisplatz für Eislauf, Curling und Eishockey sowie die ”schönste 5 km lange Bobsleigh- u. Rodelbahn Preda – Bergün (...) welche in Bezug auf Situation und kunstgerechte Ausbauung ohne Konkurrenz dasteht”. Diese war im Winter 1904/05 erstmals eröffnet worden.

In den ersten Wintersaisons kostete das Zimmer mit einem Bett (Licht, Heizung und Bedienung inbegriffen) Fr. 3.50, das Zimmer mit zwei Betten Fr. 7.—; Privatsalons waren ab 10 Franken zu haben. Ein Frühstück (Kaffee, Tee, Schokolade, Kakao, komplett) war im Speisesaal für Fr. 1.50, im Restaurant für Fr. 2.— zu geniessen, der Lunch (Déjeûner à la fourchette) kostete vier oder fünf Franken, das Dîner einen Franken mehr. Bei einem Aufenthalt von mindestens fünf Tagen wurde, zusätzlich zum Zimmerpreis von Fr. 3.50, ein Pensionspreis für die Verpflegung von acht Franken in Rechnung gestellt. Für die Dienerschaften kostete die Verpflegung, wohl nicht das gleiche Menu und kaum im Speisesaal serviert, nur fünf Franken und Familien erhielten ”bei längerem Aufenthalt” sogar spezielle Arrangements.

Laut Jahresbericht war die Frequenz im Winter 1911/12 ”noch keine grosse, aber immerhin genügten die Einnahmen (...) zur Deckung der bezüglichen Ausgaben und das war mehr, als wir gerechnet hatten”. Hoffnungsvoll wird im selben Jahresbericht angemerkt: ”Wir konnten uns deshalb auch um so leichter entschliessen, den eingeschlagenen Weg für das kommende Jahr weiter zu beschreiten, von der Erwägung ausgehend, dass Bergün, wie andere Wintersportplätze, nur mit Geduld und Ausdauer sich langsam ein Plätzchen an der Sonne sichern könne.” Dass man mit dem Wintersport ganz besonders auch britische Gäste anziehen wollte, die ja das Oberengadin und Davos bereits seit Jahrzehnten als Winteraufenthaltsort kannten, beweist die rasche Herausgabe eines Prospektes in englischer Sprache: ”Winter Sport at Bergün, Altitude 4500 feet, on the Albula Railway, Canton of the Grisons, Switzerland.” Darin wird die grosse Entwicklung beschrieben, die der Wintersport in den letzten Jahren ganz besonders in der Schweiz genommen habe: ”And so every year we see larger and larger numbers of people, all more or less in need of recuperation an distraction, fleeing from the smoke and depressing fog of the great cities in order to bathe mind and body in the invigorating sunshine of the Swiss mountainvalleys...”